TAO TE KING 

1.
Der SINN (TAO), der sich aussprechen laesst,
ist nicht der ewige SINN.
Der Name, der sich nennen laesst,
ist nicht der ewige Name.
"Nichtsein" nenne ich den Anfang von Himmel und Erde.
"Sein" nenne ich die Mutter der Einzelwesen.
Darum fuehrt die Richtung auf das Nichtsein
zum Schauen des wunderbaren Wesens,
die Richtung auf das Sein
zum Schauen der raeumlichen Begrenztheiten.
Beides ist eins dem Ursprung nach
und nur verschieden durch den Namen.
In seiner Einheit heisst es das Geheimnis.
Des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis
ist das Tor, durch das alle Wunder hervortreten.
2.
Wenn auf Erden alle das Schoene als schoen erkennen,
so ist dadurch schobn das Haessliche gesetzt.
Wenn auf Erden Alle das Gute als
gut erkennen,
so ist dadurch schon das Nichtgute gesetzt.
Denn Sein und Nichtsein erzeugen einander.
Schwer und leicht vollenden einander.
Lang und Kurz gestalten einander.
Hoch und Tief verkehren einander.
Stimme und Ton sich vermaehlen einander.
Vorher und Nachher folgen einander.

Also auch der Berufene:
Er verweilt im Wirken ohne Handeln.
Er uebt Belehrung ohne Reden.
Alle Wesen treten hervor,
und er verweigert sich ihnen nicht.
Er erzeugt und besitzt nicht.
Er wirkt und behaelt nicht.
Ist das Werk vollbracht,
so verharrt er nicht dabei.
Und eben weil er nicht verharrt,
bleibt er nicht verlassen.
3.
Die Tuechtigen nicht bevorzugen,
so macht man, dass das Volk nicht streitet.
Kostbarkeiten nicht schaetzen,
so macht man, dass das Volk nicht stiehlt.
Nichts Begehrenswertes zeigen,
so macht man, dass des Volkes Herz nicht wirr wird.

Darum regiert der Berufene also:
Er leert ihre Herzen und fuellt ihren Leib.
Er schwaecht ihren Willen und staerkt ihre Knochen
und macht, dass das Volk ohne Wissen
und ohne Wuensche bleibt,
und sorgt dafuer,
dass jene Wissenden nicht zu handeln wagen.
Er macht das Nichtmachen,
so kommt alles in Ordnung.
4.
Der Sinn ist immer stroemend.
Aber er laeuft in seinem Wirken doch nie ueber.
Ein Abgrund ist er, wie der Ahn aller Dinge.
Er mildert ihre Schaerfe.
Er loest ihre Wirrsale.
Er maessigt ihren Glanz.
Er vereinigt sich mit ihrem Staub.
Tief ist er und doch wie wirklich.
Ich weiss nicht, wessen Sohn er ist.
Er scheint frueher zu sein als Gott.
5.
Himmel und Erde sind nicht guetig.
Ihnen sind Menschen wie stroherne Opferhunde.
Der Berufene ist nicht guetig.
Ihm sind die Menschen wie stroherne Opferhunde.
Der Zwischenraum zwischen Himmel und Erde
ist wie eine Floete,
leer und faellt doch nicht zusammen;
bewegt kommt immer mehr daraus hervor.
Aber viele Worte erschoepfen sich daran.
Besser ist es, das Innere zu bewahren.
6.
Der Geist des Tals stirbt nicht,
das heisst das dunkle Weib.
Das Tor des dunklen Weibs,
Das heisst die Wurzel von Himmel und Erde.
Ununterbrochen wie beharrend
wirkt es ohne Muehe.
7.
Der Himmel ist ewig und die Erde dauernd.
Sie sind dauernd und ewig,
weil sie nicht sich selber leben.
Deshalb koennen sie ewig leben.

Also auch der Berufene:
Er setzt sein Selbst hintan,
und sein Selbst kommt voran.
Er entaeussert sich seines Selbst,
und sein Selbst bleibt erhalten.
Ist es nicht also:
Weil er nichts eigenes will,
darum wird sein eigenes vollendet?
8.
Hoechste Guete ist wie das Wasser.
Des Wassers Guete ist es,
allen Wesen zu nuetzen ohne Streit.
Es weilt an Orten, die alle Menschen verachten.
Drum steht es nahe dem SINN.
Beim Wohnen zeigt sich die Guete an dem Platze.
Beim Denken zeigt sich die Guete in der Tiefe.
Beim Schenken zeigt sich die Guete in der Liebe.
Beim Reden zeigt sich die Guete in der Wahrheit.
Beim Walten zeigt sich die Guete in der Ordnung.
Beim Wirken zeigt sich die Guete im Koennen.
Beim Bewegen zeigt sich die Guete in der rechten Zeit.
Wer sich nicht selbst behauptet,
bleibt eben dadurch frei von Tadel.
9.
Etwas festhalten wollen und dabei es ueberfuellen:
das lohnt der Muehe nicht.
Etwas handhaben wollen und dabei es immer scharf halten:
das laesst sich nicht lange bewahren.
Mit Gold und Edelsteinen gefuellten Saal
kann niemand beschuetzen.
Reich und vornehm und dazu hochmuetig sein:
das zieht von selbst das Unglueck herbei.
Ist das Werk vollbracht, dann sich zurueckziehen:
das ist des Himmels SINN.
10.
Kannst Du Deine Seele bilden, dass sie das Eine umfaengt,
ohne sich zu zerstreuen?
Kannst Du Deine Kraft einheitlich machen
und die Weichheit erreichen,
dass Du wie ein Kindlein wirst?
Kannst Du Dein geheimes Schauen so reinigen,
dass es frei von Flecken wird?
Kannst Du die Menschen lieben und den Staat lenken,
dass Du ohne Wissen bleibst?
Kannst Du, wenn des Himmels Pforten
sich oeffnen und schliessen,
wie eine Henne sein?
Kannst Du mit Deiner inneren Klarheit und Reinheit
alles durchdringen, ohne des Handelns zu beduerfen?
Erzeugen und ernaehren,
erzeugen und nicht besitzen,
wirken und nicht behalten,
mehren und nicht beherrschen:
das ist geheimes Leben.
11.
Dreissig Speichen umgeben eine Narbe:
In ihrem Nichts besteht des Wagens Werk.
Man hoehlet Ton und bildet ihn zu Toepfen:
In ihrem Nichts besteht der Toepfe Werk.
Man graebt Tueren und Fenster, damit die Kammer werde:
In ihrem Nichts besteht der Kammer Werk.

Darum: Was ist, dient zum Besitz.
Was nicht ist, dient zum Werk.
12.
Die fuenferlei Farben machen der Menschen Augen blind.
Die fuenferlei Toene machen der Menschen Ohren taub.
Die fuenferlei Wuerzen machen der Menschen Gaumen schal.
Rennen und jagen machen der Menschen Herzen toll.
Seltene Gueter machen der Menschen Wandel wirr.

Darum wirkt der Berufene fuer den Leib und nicht fuers Auge.
Er entfernt das andere und nimmt dieses.
13.
Gnade ist beschaemend wie ein Schreck.
Ehre ist ein grosses Uebel wie die Person.
Was heisst das: "Gnade ist beschaemend wie ein Schreck"?
Gnade ist etwas Minderwertiges.
Man erlangt sie und ist wie erschrocken.
Man verliert sie und ist wie erschrocken.
Das heisst: "Gnade ist beschaemend wie ein Schreck".
Was heisst das: "Ehre ist ein grosses Uebel wie die Person"?
Der Grund, warum ich grosse Uebel erfahre, ist,
dass ich eine Person habe.
Habe ich keine Person,
was fuer Uebel koennte ich dann erfahren?

Darum: Wer in seiner Person die Welt ehrt,
dem kann man wohl die Welt anvertrauen.
Wer in seiner Person die Welt liebt,
dem kann man wohl die Welt uebergeben.
14.
Man schaut nach ihm und sieht es nicht:
Sein Name ist Keim.
Man horcht nach ihm und hoert es nicht:
Sein Name ist Fein.
Man fasst nach ihm und fuehlt es nicht:
Sein Name ist Klein.
Diese drei kann man nicht trennen,
darum bilden sie vermischt Eines.
Sein Oberes ist nicht licht,
sein Unteres ist nicht dunkel.
Ununterbrochen quellend,
kann man es nicht nennen.
Er kehrt wieder zurueck zum Nichtwesen.
Das heisst die gestaltlose Gestalt,
das dinglose Bild.
Das heisst das dunkel Chaotische.
Ihm entgegengehend sieht man nicht sein Antlitz,
ihm folgend sieht man nicht seine Rueckseite.
Wenn man festhaelt den SINN des Altertums,
um zu beherrschen das Sein von heute,
so kann man den alten Anfang wissen.
Das heisst des SINNS durchgehender Faden.
15.
Die vor alters tuechtig waren als Meister,
waren im Verborgenen eins mit den unsichtbaren Kraeften.
Tief waren sie, so dass man sie nicht kennen kann.
Weil man sie nicht kennen kann,
darum kann man nur mit Muehe ihr Aeusseres beschreiben.
Zoegernd, wie wer im Winter einen Fluss durchschreitet,
vorsichtig, wie wer von allen Seiten Nachbarn fuerchtet,
zurueckhaltend wie Gaeste,
vergehend wie Eis, das am Schmelzen ist,
einfach, ein unbearbeiteter Stoff,
weit waren sie, wie das Tal,
undurchsichtig waren sie, wie das Truebe.
Wer kann (wie sie) das Truebe durch Stille allmaehlich klaeren?
Wer kann (wie sie) die Ruhe durch Dauer allmaehlich erzeugen?
Wer diesen SINN bewahrt,
begehrt nicht Fuelle.
Denn nur weil er keine Fuelle hat,
darum kann er gering sein,
das Neue meiden
und die Vollendung erreichen.
16.
Schaffe Leere bis zum Hoechsten!
Wahre die Stille bis zum Voelligsten!
Alle Dinge moegen sich dann zugleich erheben.
Ich schaue, wie sie sich wenden.
Die Dinge in all ihrer Menge,
ein jedes kehrt zurueck zu seiner Wurzel.
Rueckkehr zur Wurzel heisst Stille.
Stille heisst Wendung zum Schicksal.
Wendung zum Schicksal heisst Ewigkeit.
Erkenntnis der Ewigkeit heisst Klarheit.
Erkennt man das Ewige nicht,
so kommt man in Wirrnis und Suende.
Erkennt man das Ewige,
so wird man duldsam.
Duldsamkeit fuehrt zur Gerechtigkeit.
Gerechtigkeit fuehrt zur Herrschaft.
Herrschaft fuehrt zum Himmel.
Himmel fuehrt zum SINN.
SINN fuehrt zur Dauer.
Sein Leben lang kommt man nicht in Gefahr.
17.
Herrscht ein ganz Grosser,
so weiss das Volk kaum, dass er da ist.
Mindere werden geliebt und gelobt,
noch Mindere werden gefuerchtet,
noch Mindere werden verachtet.
Wie ueberlegt muss man sein in seinen Worten!
Die Werke werden vollbracht,
die Geschaefte gehen ihren Lauf,
und die Leute denken alle:
"Wir sind frei."
18.
Geht der grosse SINN zugrunde,
so gibt es Sittlichkeit und Pflicht.
Kommen Klugheit und Wissen auf,
so gibt es die grossen Luegen.
Werden die Verwandten uneins,
so gibt es Kindespflicht und Liebe.
Geraten die Staaten in Verwirrung.
so gibt es die treuen Beamten.
19.
Tut ab die Heiligkeit, werft weg das Wissen,
so wird das Volk hundertfach gewinnen.
Tut ab die Sittlichkeit, werft weg die Pflicht,
so wird das Volk zurueckkehren zu Kindespflicht und Liebe.
Tut ab die Geschicklichkeit, werft weg den Gewinn,
so wird es Diebe und Raeuber nicht mehr geben.
In diesen drei Stuecken
ist der schoene Schein nicht ausreichend.
Darum sorgt, dass die Menschen sich an etwas halten koennen.
Zeigt Einfachheit, haltet fest die Lauterkeit!
Mindert Selbstsucht, verringert die Begierden!
Gebt auf die Gelehrsamkeit!
So werdet ihr frei von Sorgen.
20.
Zwischen "Gewiss" und "Jawohl":
was ist da fuer ein Unterschied?
Zwischen "Gut" und "Boese":
was ist da fuer ein Unterschied?
Was die Menschen ehren, muss man ehren.
O Einsamkeit, wie lange dauerst Du?
Alle Menschen sind so strahlend, als ginge es um grosse Opfer,
als stiegen sie im Fruehling auf die Tuerme.
Nur ich bin so zoegernd, mir ward noch kein Zeichen,
wie ein Saeugling, der noch nicht lachen kann,
unruhig, umgetrieben, als haette ich keine Heimat.
Alle Menschen haben Ueberfluss; nur ich bin wie vergessen.
Ich habe das Herz eines Toren, so wirr und dunkel.
Die Weltmenschen sind hell, ach so hell;
nur ich bin wie truebe.
Die Weltmenschen sind klug, ach so klug;
nur ich bin wie verschlossen in mir,
unruhig, ach, als wie das Meer, wirbelnd, ach, ohn Unterlass.
Alle Menschen haben ihre Zwecke;
nur ich bin muessig wie ein Bettler.
Ich allein bin anders als die Menschen:
Doch ich halte es wert,
Nahrung zu suchen bei der Mutter.
21.
Des grossen LEBENS (TE) Inhalt
folgt ganz dem SINN.
Der SINN bewirkt die Dinge
so chaotisch, so dunkel.
Chaotisch, dunkel
sind in ihm die Bilder.
Dunkel, chaotisch
sind in ihm die Dinge.
Unergruendlich finster
ist in ihm Same.
Dieser Same ist ganz wahr.
In ihm ist Zuverlaessigkeit.
Von alters bis heute
sind die Namen nicht zu entbehren,
um zu ueberschauen alle Dinge.
Woher weiss ich aller Dinge Art?
Eben durch sie.
22.
Was halb ist, wird ganz werden.
Was krumm ist, wird gerade werden.
Was leer ist, wird voll werden.
Was alt ist, wird neu werden.
Wer wenig hat, wir bekommen.
Wer viel hat, wird benommen.

Also auch der Berufene:
Er umfasst das Eine
und ist der Welt Vorbild.
Er will nicht selber scheinen,
darum wird er erleuchtet.
Er will nichts selber sein,
darum wird er herrlich.
Er ruehmt sich selber nicht,
darum vollbringt er Werke.
Er tut sich nicht selber hervor,
darum wird er erhoben.
Denn wer nicht streitet,
mit dem kann niemand auf der Welt streiten.
Was die Alten gesagt: "Was halb ist, soll voll werden",
ist fuerwahr kein leeres Wort.
Alle wahre Vollkommenheit ist darunter befasst.
23.
Macht selten die Worte,
Dann geht alles von selbst.
Ein Wirbelsturm dauert keinen Morgen lang.
Ein Platzregen dauert keinen Tag.
Und wer wirkt diese?
Himmel und Erde.
Was nun selbst Himmel und Erde nicht dauernd vermoegen,
Wieviel weniger kann das der Mensch?

Darum: Wenn Du an Dein Werk gehst mit dem SINN,
so wirst Du mit denen, so den SINN haben, eins im SINN,
mit denen, so das LEBEN haben, eins im LEBEN,
mit denen, so arm sind, eins in ihrer Armut.
Bist Du Eins mit ihnen im SINN,
so kommen Dir die, so den SINN haben,
auch freudig entgegen.
Bist Du eins mit ihnen im LEBEN,
so kommen Dir die, so das LEBEN haben, auch freudig entgegen.
Bist Du eins mit ihnen in ihrer Armut,
so kommen Dir die, so da arm sind, auch freudig entgegen.
Wo aber der Glaube nicht stark genug ist,
da findet man keinen Glauben.
24.
Wer auf den Zehen steht,
steht nicht fest.
Wer mit gespreizten Beinen geht,
kommt nicht voran.
Wer selber scheinen will,
wird nicht erleuchtet.
Wer selber etwas sein will,
wird nicht herrlich.
Wer selber sich ruehmt,
vollbringt nicht Werke.
Wer selber sich hervortut,
wird nicht erhoben.
Er ist fuer den SINN wie Kuechenabfall und Eiterbeule.
Und auch die Geschoepfe alle hassen ihn.
Darum: Wer den SINN hat,
weilt nicht dabei.
25.
Es gibt ein Ding, das ist unterschiedslos vollendet.
Bevor der Himmel und die Erde waren,
ist es schon da,
so still, so einsam.
Allein steht es und aendert sich nicht.
Im Kreis laeuft es und gefaehrdet sich nicht.
Man kann es nennen die Mutter der Welt.
Ich weiss nicht seinen Namen.
Ich bezeichne es als SINN.
Muehsam einen Namen ihm gebend,
nenne ich es: gross.
Gross, das heisst immer bewegt.
Immer bewegt, das heisst ferne.
Ferne, das heisst zurueckkehrend
So ist der SINN gross,
der Himmel gross, die Erde gross,
und auch der Mensch ist gross.
Vier Grosse gibt es im Raume,
und der Mensch ist auch darunter.
Der Mensch richtet sich nach der Erde.
Die Erde richtet sich nach dem Himmel.
Der Himmel richtet sich nach dem SINN.
Der SINN richtet sich nach sich selber.
26.
Das Gewichtige ist des Leichten Wurzel.
Die Stille ist der Unruhe Herr.

Also auch der Berufene:
Er wandert den ganzen Tag,
ohne sich vom schweren Gepaeck zu trennen.
Mag er auch alle Herrlichkeiten vor Augen haben:
Er weilt zufrieden in seiner Einsamkeit.
Wieviel weniger erst darf der Herr des Reiches
in seiner Person den Erdkreis leicht nehmen!
Durch leichtnehmen verliert man die Wurzel.
Durch Unruhe verliert man die Herrschaft.
27.
Ein guter Wanderer laesst keine Spur zurueck.
Ein guter Redner braucht nichts zu widerlegen.
Ein guter Rechner braucht keine Rechenstaebchen.
Ein guter Schliesser braucht nicht Schloss noch Schluessel,
und doch kann niemand auftun.
Ein guter Binder braucht nicht Strick noch Baender,
und doch kann niemand loesen.
Der Berufene versteht es immer gut,
die Menschen zu retten;
darum gibt es fuer ihn keine verworfenen Menschen.
Er versteht es immer gut, die Dinge zu retten;
darum gibt es fuer ihn keine verworfenen Dinge.
Das heisst die Klarheit erben.
So sind die guten Menschen die Lehrer der Nichtguten,
und die nichtguten Menschen sind der Stoff fuer die Guten.
Wer seine Lehrer nicht werthielte
und seinen Stoff nicht liebte,
der waere bei allem Wissen in schwerem Irrtum.
Das ist das grosse Geheimnis.
28.
Wer seine Mannheit kennt
und seine Weibheit wahrt,
der ist die Schlucht der Welt.
Ist er die Schlucht der Welt,
so verlaesst ihn nicht das ewige LEBEN,
und er wird wieder wie ein Kind.
Wer seine Reinheit kennt
und seine Schwaeche wahrt,
ist Vorbild fuer die Welt.
Ist Vorbild er der Welt,
so weicht von ihm nicht das ewige LEBEN,
und er kehrt wieder zum Ungewordenen um.
Wer seine Ehre kennt
und seine Schmach bewahrt,
der ist das Tal der Welt.
Ist er das Tal der Welt,
so hat er Genuege am ewigen LEBEN,
und er kehrt zurueck zur Einfalt.
Ist die Einfalt zerstreut, so gibt es "brauchbare" Menschen.
Uebt der Berufene sie aus, so wird er der Herr der Beamten.
Darum: Grossartige Gestaltung
bedarf nicht des Beschneidens.
29.
Die Welt erobern und behandeln wollen,
ich habe erlebt, dass das misslingt.
Die Welt ist ein geistiges Ding,
das man nicht behandeln darf.
Wer sie behandelt, verdirbt sie,
wer sie festhalten will, verliert sie.
Die Dinge gehen bald voran, bald folgen sie,
bald hauchen sie warm, bald blasen sie kalt,
bald sind sie stark, bald sind sie duenn,
bald schwimmen sie oben, bald stuerzen sie.
Darum meidet der Berufene
das Zusehr, das Zuviel, das Zugross.
30.
Wer im rechten SINN einem Menschenherrscher hilft,
vergewaltigt nicht durch Waffen die Welt,
denn die Handlungen kommen auf das eigene Haupt zurueck.
Wo die Heere geweilt haben, wachsen Disteln und Dornen.
Hinter den Kaempfen her kommen immer Hungerjahre.
Darum sucht der Tuechtige nur Entscheidung, nichts weiter;
er wagt nicht, durch Gewalt zu erobern.
Entscheidung, ohne sich zu bruesten,
Entscheidung, ohne sich zu ruehmen,
Entscheidung, ohne stolz zu sein,
Entscheidung, weil's nicht anders geht,
Entscheidung, ferne von Gewalt.
31.
Waffen sind unheilvolle Geraete, alle Wesen hassen sie wohl.
Darum will der, der den rechten SINN hat,
nichts von ihnen wissen.
Der Edle in seinem gewoehnlichen Leben
achtet die Linke als Ehrenplatz.
Beim Waffenhandwerk ist die Rechte der Ehrenplatz.
Die Waffen sind unheilvolle Geraete,
nicht Geraete fuer den Edlen.
Nur wenn er nicht anders kann, gebraucht er sie.
Ruhe und Frieden sind ihm das Hoechste.
Er siegt, aber er freut sich nicht daran.
Wer sich daran freuen wollte,
wuerde sich ja des Menschenmordes freuen.
Wer sich des Menschenmordes freuen wollte,
kann nicht sein Ziel erreichen in der Welt.
Bei Gluecksfaellen achtet man die Linke als Ehrenplatz.
Bei Ungluecksfaellen achtet man die Rechte als Ehrenplatz.
Der Unterfeldherr steht zur Linken, der Oberfuehrer steht zur Rechten.
Das heisst, er nimmt seinen Platz ein nach dem Brauch der Trauerfeiern.
Menschen toeten in grosser Zahl,
das soll man beklagen mit Traenen des Mitleids.
Wer im Kampfe gesiegt, der soll wie bei einer Trauerfeier weilen.
32.
Der SINN als Ewiger ist namenlose Einfalt.
Obwohl klein,
wagt die Welt ihn nicht zum Diener zu machen.
Wenn Fuersten und Koenige ihn  so wahren koennten,
so wuerden alle Dinge sich als Gaeste einstellen.
Himmel und Erde wuerden sich vereinen,
um suessen Tau zu traeufeln.
Das Volk wuerde ohne Befehle
von selbst ins Gleichgewicht kommen.
Wenn die Gestaltung beginnt,
dann erst gibt es Namen.
Die Namen erreichen auch das Sein,
und man weiss auch noch,
wo haltzumachen ist.
Weiss man, wo haltzumachen ist,
so kommt man nicht in Gefahr.
Man kann das Verhaeltnis des SINNS zur Welt vergleichen
mit den Bergbaechen und Talwassern,
die sich in Stroeme und Meere ergiessen.
33.
Wer andre kennt, ist klug.
Wer sich selber kennt, ist weise.
Wer andere besiegt, hat Kraft.
Wer sich selber besiegt, ist stark.
Wer sich durchsetzt, hat Willen.
Wer sich genuegen laesst, ist reich.
Wer seinen Platz nicht verliert,
hat Dauer.
Wer auch im Tode nicht untergeht,
der lebt.
34.
Der grosse SINN ist ueberstroemend;
er kann zur Rechten sein und zur Linken.
Alle Dinge verdanken ihm ihr Dasein,
und er verweigert sich ihnen nicht.
Ist das Werk vollbracht,
so heisst er es nicht seinen Besitz.
Er kleidet und naehrt alle Dinge
und spielt nicht ihren Herrn.
Sofern er ewig nicht begehrend ist,
kann man ihn als klein bezeichnen.
Sofern alle Dinge von ihm abhaengen,
ohne ihn als Herrn zu kennen,
kann man ihn als gross bezeichnen.

Also auch der Berufene:
Niemals macht er sich gross;
darum bringt er sein grosses Werk zustande.
35.
Wer festhaelt das grosse Urbild,
zu dem kommt die Welt.
Sie kommt und wird nicht verletzt,
in Ruhe, Gleichheit und Seligkeit.

Musik und Koeder:
Sie machen wohl den Wanderer auf seinem Weg anhalten.
Der SINN geht aus dem Munde hervor,
milde und ohne Geschmack.
Du blickst nach ihm und siehst nichts Sonderliches.
Du horchst nach ihm und hoerst nichts Sonderliches.
Du handelst nach ihm und findest kein Ende.
36.
Was Du zusammendruecken willst,
das musst Du erst richtig sich ausdehnen lassen.
Was Du schwaechen willst,
das musst Du erst richtig stark werden lassen.
Was Du vernichten willst,
das musst Du erst richtig aufbluehen lassen.
Wem Du nehmen willst,
dem musst Du erst richtig geben.
Das heisst Klarheit ueber das Unsichtbare.
Das Weiche siegt ueber das Harte.
Das Schwache siegt ueber das Starke.
Den Fisch darf man nicht der Tiefe entnehmen
Des Reiches Foerderungsmittel
darf man nicht den Leuten zeigen.
37.
Der SINN ist ewig ohne Machen,
und nichts bleibt ungemacht.
Wenn Fuersten und Koenige ihn zu wahren verstehen,
so werden alle Dinge sich von selber gestalten.
Gestalten sie sich und es erheben sich die Begierden,
so wuerde ich sie bannen durch namenlose Einfalt.
Namenlose Einfalt bewirkt Wunschlosigkeit.
Wunschlosigkeit macht still,
und die Welt wird von selber recht.
38.
Wer das LEBEN hochhaelt, weiss nichts vom LEBEN;
darum hat er LEBEN:
Wer das LEBEN nicht hochhaelt, sucht das LEBEN nicht zu verlieren;
darum hat er kein LEBEN.
Wer das LEBEN hochhaelt, handelt nicht und hat keine Absichten.
Wer das LEBEN nicht hochhaelt, handelt und hat Absichten.
Wer die Liebe hochhaelt, handelt, aber hat keine Absichten.
Wer die Gerechtigkeit hochhaelt, handelt und hat Absichten.
Wer die Sitte hochhaelt, handelt, und wenn ihm jemand nicht erwidert,
so fuchtelt er mit den Armen und holt ihn heran.
Darum:
Ist der SINN verloren, dann das LEBEN.
Ist das LEBEN verloren, dann die Liebe.
Ist die Liebe verloren, dann die Gerechtigkeit.
Ist die Gerechtigkeit verloren, dann die Sitte.
Die Sitte ist Treu und Glaubens Duerftigkeit und der Verwirrung Anfang.
Vorherwissen ist des SINNES Schein und der Torheit Beginn.
Darum bleibt der rechte Mann beim Voelligen und nicht beim Duerftigen.
Er wohnt im Sein und nicht im Schein.
Er tut das andere ab und haelt sich an dieses.
39.
Die einst das Eine erlangten:
Der Himmel erlangte das Eine und wurde rein.
Die Erde erlangte das Eine und wurde fest.
Die Goetter erlangten das Eine und wurden maechtig.
Das Tal erlangte das Eine und erfuellte sich.
Alle Dinge erlangten das Eine und entstanden.
Koenige und Fuersten erlangten das Eine und wurden das Vorbild der Welt.
Das alles ist durch das Eine bewirkt.
Waere der Himmel nicht rein dadurch, so muesste er bersten.
Waere die Erde nicht fest dadurch, so muesste sie wanken.
Waeren die Goetter nicht maechtig dadurch, so muessten sie erstarren.
Waere das Tal nicht erfuellt dadurch, so muesste es sich erschoepfen.
Waeren alle Dinge nicht erstanden dadurch, so muessten sie erloeschen.
Waeren die Koenige und Fuersten nicht erhaben dadurch, so muessten sie stuerzen.
Darum: Das Edle hat das Geringe zur Wurzel.
Das Hohe hat das Niedriege zur Grundlage.
Also auch die Fuersten und Koenige:
Sie nennen sich: 'Einsam', 'Verwaist','Wenigkeit'.
Dadurch bezeichnen sie das Geringe als ihre Wurzel.
Oder ist es nicht so?
Denn: Ohne die einzelnen Bestandteile eines Wagens gibt es keinen Wagen.
Wuensche nicht das glaenzende Gleissen des Juwels,
sondern die rohe Rauheit des Steins.
40.
Rueckkehr ist die Bewegung des SINNS.
Schwachheit ist die Wirkung des SINNS.
Alle Ding unter dem Himmel entstehen im Sein.
Das Sein entsteht im Nichtsein.
41.
Wenn ein Weiser hoechster Art vom SINN hoert,
so ist er eifrig und tut danach.
Wenn ein Weiser mittlerer Art vom SINN hoert,
so glaubt er halb, halb zweifelt er.
Wenn ein Weiser niedrigeer Art vom SINN hoert,
so lacht er laut darueber.
Wenn er nicht laut lacht,
so war es doch nicht der eigentliche SINN.
Darum hat ein Spruchdichter die Worte:
"Der klare SINN erscheint dunkel.
Der SINN des Fortschritts erscheint als Rueckzug.
Der ebene SINN erscheint rauh.
Das hoechste LEBEN erscheint als Tal.
Die hoechste Reinheit erscheint als Schmach.
Das weite LEBEN erscheint als ungenuegend.
Das starke LEBEN erscheint verstohlen.
Das wahre Wesen erscheint veraenderlich.
Das grosse Geviert hat keine Ecken.
Das grosse Geraet wird spaet vollendet.
Der grosse Ton hat unhoerbaren Laut.
Das grosse Bild hat keine Form".
Der SINN in seiner Verborgenheit ist ohne Namen.
Und doch ist gerade der SINN gut im Spenden und Vollenden.
42.
Der SINN erzeugt die Eins.
Die Eins erzeugt die Zwei.
Die Zwei erzeugt die Drei.
Die Drei erzeugt alle Dinge.
Alle Dinge haben im Ruecken das Dunkle
und streben nach dem Licht,
und die stroemende Kraft gibt ihnen Harmonie.

Was die Menschen hassen,
ist Verlassenheit, Einsamkeit, Wenigkeit.
Und doch waehlen Fuersten und Koenige
sie zu ihrer Selbstbezeichnung.
Denn die Dinge werden entweder
durch Verringerung vermehrt
oder durch Vermehrung verringert.
Was andere lehren, lehre ich auch:
"Die Starken sterben nicht eines natuerlichen Todes".
Das will ich zum Ausgangspunkt meiner Lehre machen.
43.
Das Allerweichste auf Erden
ueberholt das Allerhaerteste auf Erden.
Das Nichtseiende dringt auch noch ein in das,
was keinen Zwischenraum hat.
Daran erkennt man den Wert des Nicht-Handelns.
Die Belehrung ohne Worte,
den Wert des Nicht-Handelns
erreichen nur wenige auf Erden.
44.
Der Name oder die Person:
was steht naeher?
Die Person oder der Besitz:
was ist mehr?
Gewinnen oder verlieren:
was ist schlimmer?

Nun aber:
Wer sein Herz an anderes haengt,
verbraucht notwendig Grosses.
Wer viel sammelt,
verliert notwensdig Wichtiges.
Wer sich genuegen laesset,
kommt nicht in Schande.
Wer Einhalt zu tun weiss,
kommt nicht in Gefahr
und kann so ewig dauern.
45.
Grosse Vollendung muss wie unzulaenglich erscheinen,
so wird sie unendlich in ihrer Wirkung.
Grosse Fuelle muss wie stroemend erscheinen,
so wird sie unerschoepflich in ihrer Wirkung.
Grosse Gradheit muss wie krumm erscheinen.
Grosse Begabung muss wie dumm erscheinen.
Grosse Beredsamkeit muss wie stumm erscheinen.
Bewegung ueberwindet die Kaelte.
Stille ueberwindet die Hitze.
Reinheit und Stille sind der Welt Richtmass.
46.
Wenn der SINN herrscht auf Erden,
so tut man die Rennpferde ab zum Dungfuehren.
Wenn der SINN abhanden ist auf Erden,
so werden Kriegsrosse gezuechtet auf dem Anger.
Es gibt keine groessere Suende als viele Wuensche.
Es gibt kein groesseres Uebel als kein Genuege kennen.
Es gibt keinen groesseren Fehler als haben wollen.

Darum:
Das Genuegen der Genuegsamkeit ist dauerndes Genuegen.
47.
Ohne aus der Tuer zu gehen,
kennt man die Welt.
Ohne aus dem Fenster zu schauen,
sieht man den SINN des Himmels.
Je weiter einer hinausgeht,
desto geringer ist sein Wissen.

Darum braucht der Berufene nicht zu gehen.
und weiss doch alles.
Er braucht nicht zu sehen
und ist doch klar.
Er braucht nichts zu machen
und vollendet doch.
48.
Wer das Lernen uebt, vermehrt taeglich.
Wer den SINN uebt, vermindert taeglich.
Er vermindert und vermindert,
bis er schliesslich ankommt beim Nichtsmachen.
Beim Nichtsmachen bleibt nichts ungemacht.
Das Reich erlangen kann man nur,
wenn man immer frei bleibt von Geschaeftigkeit.
Die Vielbeschaeftigten sind nicht geschickt,
das Reich zu erlangen.
49.
Der Berufene hat kein eigenes Herz.
Er macht das Herz der Leute zu seinem Herzen.
Zu den Guten bin ich gut,
zu den Nichtguten bin ich auch gut;
denn das LEBEN ist die Guete.
Zu den Treuen bin ich treu,
zu den Untreuen bin ich auch treu;
denn das LEBEN ist die Treue.
Der Berufene lebt in der Welt ganz still
und macht sein Herz fuer die Welt weit.
Die Leute alle blicken und horchen nach ihm.
Und der Berufene nimmt sie alle an als seine Kinder.
50.
Ausgehen ist Leben, eingehen ist Tod.
Gesellen des Lebens gibt es drei unter zehn,
Gesellen des Todes gibt es drei unter zehn.
Menschen die leben und dabei sich
auf den Ort des Todes zubewegen,
gibt es auch drei unter zehn.
Was ist der Grund davon?
Weil sie ihres Lebens Steigerung erzeugen wollen.
Ich habe wohl gehoert,
wer gut das Leben zu fuehren weiss,
der wandert ueber Land
und trifft nicht Nashorn noch Tiger.
Er schreitet durch ein Heer
und meidet nicht Panzer und Waffen.
Das Nashorn findet nichts,
worein es sein Horn bohren kann.
Der Tiger findet nichts, darein
er seine Krallen schlagen kann.
Die Waffe findet nichts,
das ihre Schaerfe aufnehmen kann.
Warum das?
Weil er keine sterbliche Stelle hat.
51.
Der SINN erzeugt.
Das LEBEN naehrt.
Die Umgebung gestaltet.
Die Einfluesse vollenden.
Darum ehren alle Wesen den SINN
und schaetzen das LEBEN.
Der SINN wird geehrt,
Das Leben wird geschaetzt
ohne aeussere Ernennung, ganz von selbst.

Also: der SINN erzeugt, das LEBEN naehrt,
laesst wachsen, pflegt,
vollendet, haelt,
bedeckt und schirmt.
52.
Die Welt hat einen Anfang,
das ist die Mutter der Welt.
Wer die Mutter findet,
um ihre Soehne zu kennen,
wer ihre Soehne kennt,
und sich wieder zur Mutter wendet,
der kommt sein Leben lang nicht in Gefahr.
Wer seinen Mund schliesst
und seine Pforten zumacht,
der kommt sein Leben lang nicht in Muehen.
Wer seinen Mund auftut
und seine Geschaefte in Ordnung bringen will,
dem ist sein Leben lang nicht zu helfen.
Das Kleinste sehen heisst klar sein.
Die Weisheit wahren heisst stark sein.
Wenn man sein Licht benuetzt,
um zu dieser Klarheit zurueckzukehren,
so bringt man seine Person nicht in Gefahr.
Das heisst die Huelle der Ewigkeit.
53.
Wenn ich wirklich weiss, was es heisst,
im grossen SINN zu leben,
so ist es vor allem die Geschaeftigkeit,
die ich fuerchte.
Wo die grossen Strassen schoen und eben sind,
aber das Volk Seitenwege liebt;
wo die Hofgesetze streng sind,
aber die Felder voll Unkraut stehen;
wo die Scheunen ganz leer sind,
aber die Kleidung schmuck und praechtig ist;
wo jeder ein scharfes Schwert im Guertel traegt;
wo man heikel ist im Essen und Trinken
und Gueter im Ueberfluss sind:
da herrscht Verwirrung, nicht Regierung.
54.
Was gut gepflanzt ist, wird nicht ausgerissen.
Was gut festgehalten wird, wird nicht entgehen.
Wer sein Gedaechtnis Soehnen und Enkeln hinterlaesst,
hoert nicht auf.
Wer seine Person gestaltet, dessen Leben wird wahr.
Wer seine Familie gestaltet, dessen Leben wird voellig.
Wer seine Gemeinde gestaltet, dessen Leben wird wachsen.
Wer sein Land gestaltet, dessen Leben wird reich.
Wer die Welt gestaltet, dessen Leben wird weit.

Darum: Nach deiner Person beurteile die Person des andern.
Nach deiner Familie beurteile die Familie der andern.
Nach deiner Gemeinde beurteile die Gemeinde der andern.
Nach deinem Land beurteile das Land der andern.
Nach deiner Welt beurteile die Welt der andern.
Wie weiss ich die Beschaffenheit der Welt?
Eben durch dies.
55.
Wer festhaelt des LEBENS Voelligkeit,
der gleicht einem neugeborenen Kindlein:
Giftige Schlangen stechen es nicht.
Reissende Tiere packen es nicht.
Raubvoegel stossen nicht nach ihm.
Seine Knochen sind schwach, seine Sehnen weich,
und doch kann es fest zugreifen.
Es weiss noch nichts von Mann und Weib,
und doch regt sich sein Blut,
weil es des Samens Fuelle hat.
Es kann den ganzen Tag schreien,
und doch wird seine Stimme nicht heiser,
weil es des Friedens Fuelle hat.
Den Frieden erkennen heisst ewig sein.
Die Ewigkeit erkennen heisst klar sein.
Das Leben mehren nennt man Glueck.
Fuer sein Begehren seine Kraft einsetzen nennt man stark.
Sind die Dinge stark geworden, altern sie.
Denn das ist Wider-SINN.
Und Wider-SINN ist nahe dem Ende.
56.
Der Wissende redet nicht.
Der Redende weiss nicht.
Man muss seinen Mund schliessen
und seine Pforten zumachen,
seinen Scharfsinn abstumpfen,
seine wirren Gedanken aufloesen,
sein Licht maessigen,
sein Irdisches gemeinsam machen.
Das heisst verborgene Gemeinsamkeit (mit dem SINN).
Wer die hat, den kann man nicht beeinflussen durch Liebe
und kann ihn nicht beeinflussen durch Kaelte.
Man kann ihn nicht beeinflussen durch Gewinn
und kann ihn nicht beeinflussen durch Schaden.
Man kann ihn nicht beeinflussen durch Herrlichkeit
und kann ihn nicht beeinflussen durch Niedriegkeit.
Darum ist er der herrlichste auf Erden.
57.
Zur Leitung des Staates braucht man Regierungskunst,
zum Waffenhandwerk braucht man
ausserordentliche Begabung.
Um aber die Welt zu gewinnen,
muss man frei sein von Geschaeftigkeit.
Woher weiss ich, dass es also mit der Welt steht?
Je mehr es Dinge in der Welt gibt, die man nicht tun darf,
desto mehr verarmt das Volk.
Je mehr die Menschen scharfe Geraete haben,
desto mehr kommen Haus und Staat ins Verderben.
Je mehr die Leute Kunst und Schlauheit pflegen,
desto mehr erheben sich boese Zeichen.
Je mehr die Gesetze und Befehle prangen,
desto mehr gibt es Diebe und Raeuber.
Darum spricht ein Berufener:
Wenn wir nichts machen,
so wandelt sich von selbst das Volk.
Wenn wir die Stlle lieben,
so wird das Volk von selber recht.
Wenn wir nichts unternehmen,
so wird das Volk von selber reich.
Wenn wir keine Begierden haben,
so wird das Volk von selber einfaeltig.
58.
Wessen Regierung still und unaufdringlich ist,
dessen Volk ist aufrichtig und ehrlich.
Wessen Regierung scharfsinnig und stramm ist,
dessen Volk ist hinterlistig und unzuverlaessig.
Das Unglueck ist's, worauf das Glueck beruht;
das Glueck ist es, worauf das Unglueck lauert.
Wer erkennt aber, dass es das Hoechste ist,
wenn nicht geordnet wird?
Denn sonst verkehrt die Ordnung sich in Wunderlichkeiten,
und das Gute verkehrt sich in Aberglaube.
Und die Tage der Verblendung des Volkes
dauern wahrlich lange.

Also auch der Berufene:
Er ist Vorbild, ohne zu beschneiden,
er ist gewissenhaft, ohne zu verletzen,
er ist echt, ohne Willkuerlichkeiten,
er ist licht, ohne zu blenden.
59.
Bei der Leitung der Menschen und beim Dienst des Himmels
gibt es nichts besseres als Beschraenkung.
Denn nur durch Beschraenkung
kann man fruehzeitig die Dinge behandeln.
Durch Fruehzeitges Behandeln der Dinge
sammelt man doppelt die Kraefte des LEBENS.
Durch diese verdoppelten Kraefte des LEBENS
ist man jeder Lage gewachsen.
Ist man jeder Lage gewachsen,
so kennt niemand unsere Grenzen.
Wenn niemand unsere Grenzen kennt,
koennen wir die Welt besitzen.
Besitzt man die Mutter der Welt,
so gewinnt man ewige Dauer.
Das ist der SINN der tiefen Wurzel,
des festen Grundes,
des ewigen Daseins
und des dauernden Schauens.
60.
Ein grosses Land muss man leiten,
wie man kleine Fischlein braet.
Wenn man die Welt verwaltet nach dem SINN,
dann gehen die Abgeschiedenen nicht als Geister um.
Nicht, dass die Abgeschiedenen keine Geister waeren,
doch ihre Geister schaden den Menschen nicht.
Nicht nur die Geister schaden den Menschen nicht:
auch der Berufene schadet ihnen nicht.
Wenn nun diese beiden Maechte einander nicht verletzen,
so vereinigen sich ihre LebensKraefte in ihrer Wirkung.
61.
Indem ein grosses Reich sich Stromabwaerts haelt,
wird es die Vereinigung der Welt.
Es ist das Weibliche der Welt.
Das Weibliche siegt immer
durch seine Stille ueber das Maennliche.
Durch sein Stille haelt es sich unten.
Wenn so das grosse Reich sich unter das kleine stellt,
so gewinnt es dadurch das kleine Reich.
Wenn das kleine Reich sich unter das grosse stellt,
so wird es dadurch von dem grossen Reich gewonnen.
So wird das eine dadurch, dass es sich unten haelt, gewinnen,
und das andere dadurch, dass es sich unten haelt, gewonnen.
Das grosse Reich will nichts anderes
als die Menschen vereinigen und naehren.
Das kleine Reich will nichts anderes
als sich beteiligen am Dienst der Menschen.
So erreicht jedes, was es will;
aber das grosse muss unten bleiben.
62.
Der SINN ist aller Dinge Heimat,
der guten Menschen Schatz,
der nichtguten Menschen Schutz.
Mit schoenen Worten kann man zu Markte gehen.
Mit ehrenhaftem Wandel
kann man sich vor anderen hervortun.
Aber die Nichtgutn unter den Menschen,
warum sollte man die wegwerfen?
Darum ist der Herrscher eingesetzt,
und die Fuersten haben ihr Amt.
Ob man auch Zepter von Juwelen haette,
um sie im feierlichen Viererzug zu uebersenden,
nicht kommt das der Gabe gleich,
wenn man diesen SINN
auf seinen Knien dem Herrscher darbringt.
Warum hielten die Alten diesen SINN so wert?
Ist es nicht deshalb, dass es von ihm heisst:
"Wer bittet, der empfaengt;
wer Suenden hat, dem werden sie vergeben"?
Darum ist er das Koestlichste auf Erden.
63.
Wer das Nichthandeln uebt,
sich mit Beschaeftigungslosigkeit beschaeftigt,
Geschmack findet an dem, was nicht schmeckt:
der sieht das Grosse im Kleinen und das Viele im Wenigen.
Er vergilt Groll mit LEBEN.
Plane das Schwierige da, wo es noch leicht ist!
Tue das Grosse da, wo es noch Klein ist!
Alles Schwere auf Erden beginnt stets als Leichtes.
Alles Grosse auf Erden beginnt stets als Kleines.

Darum: Tut der Berufene nie etwas Grosses,
so kann er seine grossen Taten vollenden.
Wer leicht verspricht,
haelt sicher selten Wort.
Wer vieles leicht nimmt,
hat sicher viele Schwierigkeiten.
Darum: Bedenkt der Berufene die Schwierigkeiten,
so hat er nie Schwierigkeiten.
64.
Was noch ruhig ist, laesst sich leicht ergreifen.
Was noch nicht hervortritt, laesst sich leicht bedenken.
Was noch zart ist, laesst sich leicht zerbrechen.
Was noch klein ist, laesst sich leicht zerstreuen.
Man muss wirken auf das, was noch nicht da ist.
Man muss ordnen, was noch nicht in Verwirrung ist.
Ein Baum von einem Klafter Umfang
entsteht aus einem haarfeinen Haelmchen.
Ein neun Stufen hoher Turm entsteht aus einem Haeufchen Erde.
Eine tausend Meilen weite Reise beginnt vor deinen Fuessen.
Wer handelt, verdirbt es. Wer festhaelt, verliert es.
Also auch der Berufene:
Er handelt nicht, so verdirbt er nichts.
Er haelt nicht fest, so verliert er nichts.
Die Leute gehen an ihre Sachen,
und immer wenn sie fast fertig sind, so verderben sie es.
Das Ende ebenso in acht nehmen wie den Anfang,
dann gibt es keine Verdorbenen Sachen.
Also auch der Berufene: Er wuenscht Wunschlosigkeit.
Er haelt nicht wert schwer zu erlangende Gueter. Er lernt das Nichtlernen.
Er wendet sich zu dem zurueck, an dem die Menge voruebergeht.
Dadurch foerdert er den natuerlichen Lauf der Dinge
und wagt nicht zu handeln.
65.
Die vor alters tuechtig waren
im Walten nach dem SINN,
taten es nicht durch Aufklaerung des Volkes,
sondern dadurch, dass sie das Volk toericht hielten.
Dass das Volk schwer zu leiten ist,
kommt daher, dass es zu viel weiss.

Darum: wer durch Wissen den Staat leitet,
ist der Raeuber des Staates.
Wer nicht durch Wissen den Staat leitet,
ist das Glueck des Staates.
Wer diese beiden Dinge weiss, der hat ein Ideal.
Immer dies Ideal zu kennen, ist verborgenes LEBEN.
Verborgenes LEBEN ist tief, ist weitreichend,
anders als alle Dinge;
aber zuletzt bewirkt es das grosse Gelingen.
66.
Dass Stroeme und Meere Koenige aller Baeche sind,
kommt daher, dass sie sich gut unten halten koennen.
Darum sind sie die Koenige aller Baeche.

Also auch der Berufene:
Wenn er ueber seinen Leuten stehen will,
so stellt er sich in seinen Reden unter sie.
Wenn er seinen Leuten voran sein will,
so stellt er sich in seiner Person hintan.
Also auch:
Er weilt in der Hoehe,
und die Leute werden durch ihn nicht belastet.
Er weilt am ersten Platze,
und die Leute werden von ihm nicht verletzt.
Also auch:
Die ganze Welt ist willig, ihn voranzubringen,
und wird nicht unwillig.
Weil er nicht streitet,
kann niemand auf der Welt mit ihm streiten.
67.
Alle Welt sagt, mein SINN sei zwar gross,
aber sozusagen unbrauchbar.
Gerade weil er gross ist,
deshalb ist er sozusagen unbrauchbar.
Wenn er brauchbar waere,
so waere er laengst klein geworden.
Ich habe drei Schaetze,
die ich schaetze und wahre.
Der eine heisst: die Liebe;
der zweite heisst: die Genuegsamkeit;
der dritte heisst: nicht wagen, in der Welt voranzustehen.
Durch liebe kann man mutig sein,
durch Genuegsamkeit kann man weitherzig sein.
Wenn man nicht wagt, in der Welt voranzustehen,
kann man das Haupt der fertigen Menschen sein.
Wenn man nun ohne Liebe mutig sein will,
wenn man ohne Genuegsamkeit weitherzig sein will,
wenn man ohne zurueckzustehen vorankommen will:
das ist der Tod.
Wenn man Liebe hat im Kampf, so siegt man.
Wenn man sie hat bei der Verteidigung,
so ist man unueberwindlich.
Wen der Himmel retten will, den schuetzt er durch Liebe.
68.
Wer gut zu fuehren weiss,
ist nicht kriegerisch.
Wer gut zu kaempfen weiss,
ist nicht zornig.
Wer gut die Feinde zu besiegen weiss,
kaempft nicht mit ihnen.
Wer gut die Menschen zu gebrauchen weiss,
der haelt sich unten.
Das ist das LEBEN, das nicht streitet;
das ist die Kraft, die Menschen zu gebrauchen;
das ist der Pol, der bis zum Himmel reicht.
69.
Bei den Soldaten gibt es ein Wort:
Ich wage nicht, den Herrn zu machen,
sondern mache lieber den Gast.
Ich wage nicht einen Zoll vorzuruecken,
sondern ziehe mich lieber einen Fuss zurueck.
Das heisst gehen ohne Beine,
fechten ohne Arme,
werfen, ohne anzugreifen,
halten, ohne die Waffen zu gebrauchen.

Es gibt kein groesseres Unglueck,
als den Feind zu unterschaetzen.
Wenn ich den Feind unterschaetze,
stehe ich in Gefahr, meine Schaetze zu verlieren.
Wo zwei Armeen kaempfend aufeinanderstossen,
da siegt der, der es schweren Herzens tut.
70.
Meine Worte sind sehr leicht zu verstehen,
sehr leicht auszufuehren.
Aber niemand auf Erden kann sie verstehen,
kann sie ausfuehren.
Die Worte heben einen Ahn.
Die Taten haben einen Herrn.
Weil man die nicht versteht,
versteht man mich nicht.
Eben dass ich so selten verstanden werde,
darauf beruht mein Wert.
Darum geht der Berufene im haerenen Gewand:
aber im Busen birgt er ein Juwel.
71.
Die Nichtwissenheit wissen
ist das Hoechste.
Nicht wissen, was Wissen ist,
ist ein Leiden.
Nur wenn man unter diesem Leiden leidet,
wird man frei von Leiden.
Dass der Berufene nicht leidet,
kommt daher, dass er an diesem Leiden leidet;
darum leidet er nicht.
72.
Wenn die Leute das Schreckliche nicht fuerchten,
dann kommt der grosse Schrecken.
Macht nicht eng ihre Wohnung
und nicht verdriesslich ihr Leben.
Denn nur dadurch, dass sie nicht in der Enge leben,
wird ihr Leben nicht verdriesslich.

Also auch der Berufene:
Er erkennt sich selbst, aber er will nicht scheinen.
Er liebt sich selbst, aber er sucht nicht Ehre fuer sich.
Er entfernt das andere und nimmt dieses.
73.
Wer Mut zeigt in Waghalsigkeiten,
der kommt um.
Wer Mut zeigt, ohne waghalsig zu sein,
der bleibt am Leben.
Von diesen beiden hat die eine Art Gewinn,
die andre Schaden.
Wer aber weiss den Grund davon,
dass der Himmel einen hasst?

Also auch der Berufene:
Er sieht die Schwierigkeiten.
Das Himmels SINN streitet nicht
und ist doch gut im Siegen.
Er redet nicht
und findet doch gute Antwort.
Er winkt nicht,
und es kommt doch alles von selbst.
Er ist gelassen
und ist doch gut im Planen.
Des Himmels Netz ist ganz weitmaschig,
aber es verliert nichts.
74.
Wenn die Leute den Tod nicht scheuen,
wie will man sie denn mit dem Tode einschuechtern?
Wenn ich aber die Leute
bestaendig in Furcht vor dem Tode halte,
und wenn einer Wunderliches treibt,
soll ich ihn ergreifen und toeten?
Wer traut sich das?
Es gibt immer eine Todesmacht, die toetet.
Anstelle dieser Todesmacht zu toeten, das ist,
wie wenn man anstelle eines Zimmermanns
die Axt fuehren wollte.
Wer statt eines Zimmermanns
die Axt fuehren wollte,
kommt selten davon,
ohne dass er sich die Hand verletzt.
75.
Dass das Volk hungert,
kommt davon her,
dass seine Oberen zu viele Steuern fressen;
darum hungert es.
Dass das Volk schwer zu leiten ist,
kommt davon her, dass seine Oberen zu viel machen;
darum ist es schwer zu leiten.
Dass das Volk den Tod zu leicht nimmt,
kommt davon her,
dass seine Oberen des Lebens Fuelle zu reichlich suchen;
darum nimmt es den Tod zu leicht.
Wer aber nicht um des Lebens willen handelt,
der ist besser als der, dem das Leben teuer ist.
76.
Der Mensch, wenn er ins Leben tritt,
ist weich und schwach,
und wenn er stirbt,
so ist er hart und stark.
Die Pflanzen, wenn sie ins Leben treten,
sind weich und zart,
und wenn sie sterben,
sind sie duerr und starr.
Darum sind die Harten und Starken
Gesellen des Todes,
die Weichen und Schwachen
Gesellen des Lebens.

Darum:
Sind die Waffen stark, so siegen sie nicht.
Sind die Baeume stark, so werden sie gefaellt.
Das Starke und Grosse ist unten.
Das Weiche und Schwache ist oben.
77.
Des Himmels SINN, wie geicht er dem Bogenspanner!
Das Hohe drueckt er nieder,
das Tiefe erhoeht er.
Was zuviel hat, verringert er,
was nicht genug hat, ergaenzt er.
Des Himmels SINN ist es,
was zuviel hat zu verringern, was nicht genug hat, zu ergaenzen.
Des Menschen Sinn ist nicht also.
Er verringert, was nicht genug hat,
um es darzubringen dem, das zuviel hat.
Wer aber ist imstande, das,
was er zuviel hat, der Welt darzubringen?
Nur der, so den SINN hat.

Also auch der Berufene:
Er wirkt und behaelt nicht.
Ist das Werk vollbracht, so verharrt er nicht dabei.
Er wuenscht nicht, seine Bedeutung vor anderen zu zeigen.
78.
Auf der ganzen Welt
gibt es nicht Weicheres und Schwaecheres als das Wasser.
Und doch in der Art, wie es dem Harten zusetzt,
kommt nichts ihm gleich.
Es kann durch nichts veraendert werden.
Dass Schwaches das Starke besiegt
und Weiches das Harte besiegt,
weiss jedermann auf Erden,
aber niemand vermag danach zu handeln.

Also auch hat ein Berufener gesagt:
"Wer den Schmutz des Reiches auf sich nimmt,
der ist der Herr bei Erdopfern.
Wer das Unglueck des Reiches auf sich nimmt,
der ist der Koenig der Welt."
Wahre Worte sind wie umgekehrt.
79.
Versoehnt man grossen Groll,
und es bleibt noch Groll uebrig,
wie waere das gut?
Darum haelt der Berufene sich an seine Pflicht
und verlangt nichts von Anderen.

Darum: Wer LEBEN hat,
haelt sich an seine Pflicht,
wer kein LEBEN hat,
haelt sich an sein Recht.
80.
Ein Land mag klein sein
und seine Bewohner wenig.
Geraete, die der Menschen Kraft vervielfaeltigen,
lasse man nicht gebrauchen.
Man lasse das Volk den Tod wichtig nehmen
und nicht in die Ferne reisen.
Ob auch Schiffe und Wagen vorhanden waeren,
sei niemand, der darin fahre.
Ob auch Panzer und Waffen da waeren,
sei niemand, der sie entfalte.
Man lasse das Volk wieder Stricke knoten
und sie gebrauchen statt der Schrift.
Mach suess seine Speise
und schoen seine Kleidung,
friedlich seine Wohnung
und froehlich seine Sitten.
Nachbarlaender moegen in Sehweite liegen,
dass man den Ruf der Haehne und Hunde
gegenseitig hoeren kann:
und doch sollen die Leute im hoechsten Alter sterben,
ohne hin und her gereist zu sein.
81.
Wahre Worte sind nicht schoen,
schoene Worte sind nicht wahr.
Tuechtigkeit ueberredet nicht,
Ueberredung ist nicht tuechtig.
Der Weise ist nicht gelehrt,
der Gelehrte ist nicht weise.
Der Berufene haeuft keinen Besitz auf.
Je mehr er fuer andere tut,
desto mehr besitzt er.
Je mehr er anderen gibt,
desto mehr hat er.
Des Himmels SINN ist foerdern, ohne zu schaden.
Des Berufenen SINN ist wirken, ohne zu streiten.
82.

